Weltenwetter

Wo bleibt der Altweibersommer?

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Am heutigen 3. Oktober 2008 genügt fast überall in Deutschland ein Blick aus dem Fenster:

Wolken, Regen, 10 Grad, an den Küsten und bis weit in das Binnenland Sturm. Bei manch‘ einem erklingt im Inneren der Stoßseufzer “Wo bleibt der Altweibersommer!?“

Der Fachmann schaut auf die mittelfristigen Vorhersagekarten der Wetterdienste, die heutzutage für eine Woche die atmosphärische Zirkulation recht zuverlässig prognostizieren. Gemeint sind die Computer-Wetterkarten für z.B.  5000 Meter Höhe, woraus die Meteorologen die Zugbahnen der Tief- und Hochdruckgebiete ableiten, bzw. deren Verweilen.

Was zeigen die heute (03.Oktober 2008)? Eine mächtige Höhenwindströmung reicht von Grönland bis nach Mitteleuropa, also eine sogenannte Nordwest-Wetterlage “versorgt“ uns mit den oben genannten unerfreulichen Wetter-Phänomenen. 

Abb.1 Höhenkarte vom 03.Oktober 2008: Die schwarzen durchgezogenen Linien sind Isohypsen, die anzeigen in welcher Höhe der Luftdruck auf 500 hPa zurückgegangen ist (Höhenangaben in Dekametern!). Da sich warme Luft in der Verikalen mehr ausdehnt als kalte Luft, sinkt in einer warmen Luftsäule der  Luftdruck mit zunehmender Höhe dementsprechend langsamer. Je wärmer also die Luft, umso größer die Höhe in der der Luftdruck auf 500 hPa zurückgegangen ist. Man erhält in einer zusammenfassenden Kartendarstellung dann eine 500 hPa-Fläche in Form einer “Landschaft” mit “Bergen” und “Tälern”. Diese Fläche befindet sich in einer HöheIn zwischen 5000 und 6000 Metern. Die unterbrochenen schwarzen Linien sind Isothermen, die Orte gleicher Temperatur auf dem 500 hPa- Niveau miteinander verbinden. Die Temperaturwerte sind jeweils eingetragen.Geringe Abstände zwischen den Isohypsen bzw. Isothermen zeigen ein großes Luftdruck bzw. Temperaturgefälle (Gradienten)an und umgekehrt. Die Isohypsen zeigen sehr schön die Höhenwinde der Westwindzone. Dort wo die Isohysen eng beieinander liegen, die Windgeschwindigkeiten also am größten sind, markiert der Jetstream die Grenze zwischen (sub)tropischer Warmluft und polarer Kaltluft. Der mäandernde, turbulente Jetstream mit seinen Hochkeilen (Wellenbergen) und Höhentrögen (Wellentälern) bringt Hoch- und Tiefdruckwirbel (Hochs und Tiefs) hervor und steuert ihre Bewegungen und damit auch maßgeblich das Wettergeschehen.  H= Hoch, T=Tief, W=Warmluft, K=Kaltluft Quellen: Abbildung: Berliner Wetterkarte e.V. / Text: Jens Christian Heuer  

Die o.a. Wochen-Vorhersage macht wenig Hoffnung: Aus der Nordwestlage wird infolge des hochreichenden Kaltluft-Transportes eine riesige, den ganzen Nordatlantik überdeckende Trog-Wetterlage. Dadurch gelangt zwar auf dieser Trog-Vorderseite im Laufe der 41. Kalender-Woche etwas mildere Luft mit einer West- bis Südwestströmung zu uns, aber das dadurch aufgebaute Hoch liegt dann weit weg in Osteuropa, für uns stehen weitere Regenfronten ins Haus   –  wir müssen uns mit kurzen Zwischenhochs und wenig Sonne begnügen. Eine für uns typische Altweiber-Sommer-Wetterlage sieht anders aus.  

Der typische Altweiber-Sommer Eine solche Wetterlage sei aus Archiv-Unterlagen anhand des Jahres 1982 beschrieben (siehe Abbildungen 2-4). Ein extrem trocken-warmer Juli ging über einen ausgeprägten Spätsom­mer nahezu nahtlos Ende September in einen “klassischen“ Altweibersom­mer über.

                        

Abb.2 Positionen von Tiefs und Hochs während des Altweibersommers 1982 (24.9. bis 4. 10.) mit Angaben über den Luftdruck der Kernisobare (mbar) und Datum. Nach [1]. 

Die Abbildung 2 zeigt eine wohlgeordnete Zweitei­lung für die Positionen aller Hochs und Tiefs Ende September bis Anfang Oktober 1982. Damit zusammenhängend ist der außergewöhn­liche Wärmeüberschuß der Abbildung 2. In extremen Fällen kann es dadurch noch zu dieser Jahreszeit zu Rekord-Temperaturen kommen, wie 1947, als bei Ein­strömen subtropischer Warmluft in Mitteleuropa bis zu 35° C gemessen wurden! 

nlangj. Durchschnitt — Tagesmittel 1982

Abb.2 Temperaturverlauf Hamburg St. Pauli, September 1982. Nach [1]. 

Andererseits ist die “Singularität“ (s.w.u.) des Altweibersom­mers eine wesentliche Ursache dafür, daß die langjähri­gen Monatsmittel des Niederschlages ab September in Mitteleuropa einen markanten Sprung zu tieferen Wer­ten aufweisen. Die Abbildung 3 zeigt nun, daß in Jah­ren, wenn Spätsommer und Altweibersommer kumulie­ren, erstaunliche negative Abweichungen selbst von dem genannt niedrigen Mittelwert noch möglich sind:

In weiten Teilen Deutschlands fielen im September 1982 nur etwa 20% des Monatssolls! 

Abb.4 Niederschlagsverteilung in Europa im September 1982 in Prozent des Normalwertes: Verursacht durch einen ausgeprägten „Altweiber­sommer“ war die Niederschlagssumme in Mitteleuropa gebietsweise fast Null. Nach [2].

 

Es sei hier angemerkt, das dieses alles (ob 1947 oder 1982)  damals auch schon “wetter-normal“ war  –  die “anthropogene Hitze-Klima-Katastrophe“ war noch nicht erfunden!

 Was jedoch hat eigentlich der „Altweibersommer“ mit “alten Weibern“ zu tun? Zunächst: es gibt im Herbst winzige Jung­spinnen, die weniger als ein Hundertstel Gramm wie­gen. Bei ruhigem warmem Wetter im Herbst recken sie das Hinterteil gen Himmel und schießen feinste Fäden nach oben, mit deren konvektivem Abdriften sie dann selbst von hinnen segeln.  

Diese Gespinste verglich man irgendwann einmal mit den Lebensfäden der “Nornen“ – eben “alter Weiber“. Die Nornen sind angelsächsisch die Mettena (Messende), woraus sich im Volksmund „Metten-Sommer“ und weiter „Mädchen-Sommer“ ab­leiten. Und schließlich: Kein Gegenstück einer Europäischen Wetterlage auf einem anderen Kontinent ist wohl so bekannt wie der nordamerikanische “Indianer-Sommer“ als son­niger Herbst. 

Die Klage gegen den DWD  Der Begriff „Altweibersommer“ ist tief verankert in überlieferter Volkskultur, in Bauernregeln, in der Literatur;  niemand sollte sich dadurch beleidigt fühle –  sollte man meinen. Jedoch  –  das sahen einige unbescholtene ältere Damen aus Darmstadt im Jahre 1988 anders: Sie verklagten den Deutschen Wetterdienst (DWD) beim zuständigen Landgericht auf Unterlassung dieses Begriffes in Wetterberichten: “Das Anliegen der Klägerin ist es, die Diskriminierung der Frauen durch die Sprache zu beseitigen.“ Die Klage wurde eingereicht, verhandelt und wie folgt entschieden (LG Darmstadt, 2.2.89, Az. 3O535/88): “…der Begriff Altweibersommer ist seit Jahrhunderten im deutschen Sprachgebrauch fest verankert … und stellt in der meteorologischen Wissenschaft einen Terminus für eine oft Ende September bis Anfang Oktober währende trockene und heitere Wetterlage dar … der Begriff ist positiv besetzt …

… der objektive Tatbestand des § 185 StGB setzt grundsätzlich einen Angriff auf die Ehre voraus … da durch das Verhalten des Deutschen Wetterdienstes unzweifelhaft kein direkter Angriff auf die Persönlichkeitsrechte der Klägerin gegeben ist … ist die Klage in jedem Fall unbegründet … die Klage wird abgewiesen“. Damit wurde gezeigt: Rechtsstaatlichkeit kann auch mit Humor einhergehen.

 

Altweibersommer –  ein „Wetter-Regelfall“  Das, was die Bauern-Regeln stets versuchten, das strebten auch die Meteoro­logen seit annähernd zwei Jahrhunderten an: Atmosphärischen Gesetzmäßigkeiten auf die Spur zu kommen und prognostische Anwendungsmöglich­keiten für anscheinend kalendergebundenen Wetter­phasen zu finden. So hat A. Schmauss [3] in einer gründ­lichen Untersuchung festgestellt, daß lange Meßreihen meteorologischer Elemente von etwa 100 Jahren über jeden einzelnen Tag gemittelt und über das Jahr aufgetragen, keinen dem mittleren Sonnenstand entsprechenden glatten Jahresgang zeigen (Abb.5).  

Im Gegen­teil, es ergeben sich z.B. auf einer Temperatur-Kurve nach beiden Seiten von einer ideal glatten Kurve abweichende Zacken und Ausbuchtungen (Abb. 5). Mit anderen Worten: Die in unseren Breiten von Jahr zu Jahr in den einzelnen Monaten stark streu­ende Witterung mittelt sich langjährig nicht völlig „glatt“, sondern es verbleiben zu bestimmten Kalender­phasen anscheinend regelmäßige Wetterstörungen in Form markanter Punkte, die man auf einer mathemati­schen Kurve “singuläre Stellen“ nennt. Daher definierte Schmauss die “Singularitäten der Witterung“.

 

Abb. 4 (aus [4]) 

Besonders volkstümlich sind z.B. neben dem Altweibersommer auch die “Eisheiligen“ (11.-14. Mai), die “Schafskälte“ (10. Juni), der “Siebenschläfer-Sommer“ (27. Juni, bzw. dann Juni-Juli-Witterung) …

„Zuverlässigkeit“ bei 75% Sofort erkannte man natürlich, daß bei der Ableitung kalendergebundener Witterungsphasen aus Mittelwerts- Zacken Vorsicht geboten ist, denn z.B. ein einziger extremer Polarlufteinbruch innerhalb von zehn Jahren beispiels­weise um den 15. Juni („Schafskälte“) kann eine solche Zacke auf der Temperaturkurve des Zehnjahresmittels verursachen, auch wenn mit den anderen neun Jahren die überwältigende Mehrzahl des Daten-Kollektivs völ­lig “normal“ war. Eine Singularität würde dann nur vor­getäuscht. Es müssen also Häufigkeits-Auszählungen her. Doch erstaunlicher Weise brachten sie das gleiche Ergebnis, nämlich kalendergebundene Wetter-Phasen. Was lag also meteorologisch näher, als nunmehr die zu­gehörigen Wetterlagen zu suchen und zu klassifizieren, die für die scheinbar bevorzugten Wetterzacken des me­teorologischen Kalenders verantwortlich sein müssen? Auch das war erfolgreich.

Daher spricht man heute statt der wenig glücklichen mathematischen Begriffsableitung der Singularität häu­fig von “Witterungs-Regelfällen“. So gesehen sind die Singularitäten Häufungsstellen typischer Wetterlagen im Kalenderjahr. Bei entsprechender Feinarbeit könnte man dabei natürlich unter Zuhilfenahme von Kurven wie der Abbildung 4 das ganze Jahr lückenlos in Singu­laritäten einteilen. Das ist jedoch sinnlos. Daher haben Flohn und Hess [5] in einer ausführlichen Bearbeitung des Zeitraumes 1881 bis 1947 für Mitteleuropa statisti­sche Kriterien definiert. Danach spricht man von einer Singularität, wenn das Witterungsereignis mindestens in 67% aller Jahre eintritt, sich gegenüber dem mittleren Eintrittsdatum um nicht mehr als 6 Tage verfrüht oder verspätet und eine Andauer von 3 bis 12 Tage hat. Unter Einbeziehung des Grenzfalles der Eisheiligen ver­bleiben dann 15 solcher über das Jahr ungleichmäßig verteilter Großwetter-Regelfälle. Davon haben fünf eine Eintrittswahrscheinlichkeit unter 70% und nur vier eine solche von über 80%. 

Zum Verständnis der ganzen Angelegenheit muß man sich vergegenwärtigen, daß für unsere gemäßigte Klima­zone der meist rasche Witterungswechsel charakteri­stisch ist. Er ist das Ergebnis eines ständigen Kampfes subtropischer Warmluft mit polarer Kaltluft. Diese Kampfzone verschiebt sich in Nord-Süd-Richtung um Tausende von Kilometer, ist bis in hohe Luftschichten ausgeprägt und wird in der meteorologischen Defini­tion Frontalzone genannt. Der dort herrschende, meist sehr stark ausgeprägte Temperaturgegensatz ist auch die eigentliche Ursache für die immer neu entstehenden Schwingungen der atmosphärischen Strömung, die wir in Bodennähe als Hochs, Tiefs und Wetterfronten wahrnehmen.

Zu allen Jahreszeiten ist daher erfahrungsgemäß eine Vielfalt von Wetterlagen möglich, wobei die Singulari­täten anscheinend eine zeitweilige Ordnung in das sonst so regellose Wettergeschehen unserer Breiten bringen. Es liegt also die Vermutung nahe, daß sich gewisse Kon­stellationen im komplizierten Rückkopplungsmecha­nismus zwischen Erdoberfläche und Atmosphäre wie­derholen.

Es sei jedoch wegen in jüngster Zeit wieder außerhalb der wissenschaftlichen Meteorologie auftre­tender “Wetter-Propheten“ deutlich klargestellt, daß weder die Singularitäten noch die Wetterabläufe überhaupt irgend etwas mit astronomischen oder gar astrologischen Sternen-Konstellatio­nen zu tun haben.

 

Anmerkung:  Etliche Textpassagen und alle Abbildungen wurden entnommen aus: Diplom-Meteorologe Klaus- Eckart Puls, Singularitäten der Witterung,  Naturwissenschaftliche Rundschau  (37) Heft 2, 1984

Klaus-Eckart Puls, Dipom-Meteorologe

LITERATUR

[1] A. Kressling: Der Altweibersommer 1982 in Hamburg. Wetterkarte Dtsch. Wetterd., Nr. 193 (6. 10. 1982).

[2] H. Dronia: Der trockene September 1982 in Europa. Wetterkarte des Dtsch. Wetterd., Ham­burg, Nr. 202 (19. 10. 1982)

[3] A. Schmauss: Singularitäten im jährlichen Witterungsverlauf von München. Deutsch. Met. Jahrbuch, München 1928

[4] R. Suring: Leitfaden der Meteorologie. Tauchnitz-Verlag. Leipzig 1927

[5] H. Flohn, P. Hess, Met. Rdsch. 2, 258 (1949)  

 

Gastbeiträge geben nur die persönlichen Ansichten der Autoren wieder und stehen nicht unbedingt für die Positionen des Herausgebers des Weltenwetter Weblogs!
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Written by jenschristianheuer

Oktober 3, 2008 um 3:33 pm

Veröffentlicht in Wetternotizen

Eine Antwort

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  1. […] Herbst gibt es natürlich genau den umgekehrten Effekt, genannt Altweibersommer. Sehen Sie? Es ist ein einfach erklärter Kreislauf, womit sich auch seine hohe Eintreffquote […]


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